Darf sich Humor über Minderheiten lustig machen?

Lachen ist gesund – sagt man. Und tatsächlich: Rund um den Erdball bestätigen das heute Psychologen, Neurowissenschaftlerinnen, Soziologen und Medizinerinnen. Doch dem war nicht immer so, und es herrschte in der abendländischen Geschichte über Jahrhunderte ein Lachverbot. Der Kulturwissenschaftler und Lachforscher Rainer Stollmann sieht in «Lachen ist gesund» deshalb ursprünglich eine Parole der Aufklärung – gegen die Verteufelung des Lachens durch die Kirche. Im heutigen Gebrauch bezeichnet er sie hingegen als Ausdruck einer Gesellschaft, die immer therapeutischer und rationaler denkt. Wie dem auch sei: Lachen ist nur noch dann umstritten, wenn darüber debattiert wird, ob dem Humor Grenzen gesetzt werden müssen. Denn das Lachen stärkt bekanntlich nicht nur die Gesundheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Wenn auf Kosten einer benachteiligten Gruppe gegrölt wird, wirkt dies ausgrenzend. Die MIX präsentiert zwei Sichtweisen, die diesem Aspekt auf den Zahn fühlen. 

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Shpresa Jashari ist Sprach- und Sozialwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin. Die 35-Jährige lebt in Zürich.
Shpresa Jashari ist Sprach- und Sozialwissenschaftlerin, Autorin und Aktivistin. Die 35-Jährige lebt in Zürich.

Nach unten treten

Shpresa Jashari macht bei Privilegierten blinde Flecken aus.

Immer wieder kochte in den letzten Jahren die Debatte um Humor und Meinungsfreiheit hoch. Einen traurigen Höhepunkt fand sie im Attentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion 2015. Man fragte, was schwerer wog: die Würde einer marginalisierten Gruppe oder künstlerische Freiheit? Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt war diese Gegenüberstellung zweier Seiten folgenreich: Die zu verteidigenden Werte seien «westlich», und die Zugehörigkeit des muslimischen Bevölkerungsanteils zu Europa wurde implizit oder explizit infrage gestellt. Auch in Schweizer Zeitungen las man: Für Muslime, die wirklich dazugehören, haben Mohammed-Karikaturen kein Problem zu sein.

In eine ähnliche Richtung weisen Aussagen Viktor Giacobbos, der, nachdem SRF 2014 eine Rassismusanzeige erntete, seinen Arbeitgeber und die Kollegin Birgit Steinegger verteidigte, die schwarz bemalt und mit ausgestopftem Wackelpo «die dümmliche Schwarze» gegeben hatte. Giacobbo sah Komplexität im grotesken Klamauk und behauptete: «Es sind in der Regel nicht die Schwarzen, welche die Metaebene nicht verstehen, sondern einheimische Moralanwälte.» Dass auch Schwarze einheimisch sein könnten, fiel Giacobbo nicht ein.

Diese Fehlleistung ist entlarvend, verweist sie doch auf blinde Flecken derer, die es sich in privilegierten Positionen bequem gemacht haben. So bedienen die oben Genannten einen Humor, der nach unten tritt. Ihre paradoxe Inklusionslogik geht gar noch einen Schritt weiter: Sie nehmen für sich nicht nur in Anspruch, über diskriminierte Gruppen lachen zu dürfen, sondern verlangen, dass diese mitlachen – oder doch zumindest schweigen. Empörte oder verletzte Reaktionen riechen da schnell demokratiefeindlich oder fanatisch.

Komik bildet hier, wie Politik oder Wirtschaft, ein Feld, in dem eine als normal geltende Mehrheit ihren Herrschaftsanspruch über die verdächtigen Anderen ausübt. Zum Mittel der geistigen Landesverteidigung degradiert, bleibt da wenig übrig von der viel beschworenen kühnen Freiheit der Kunst.


Charles Nguela ist gefeierter Stand-up-Comedian und Produktmanager. Der 28-Jährige lebt in Zürich.
Charles Nguela ist gefeierter Stand-up-Comedian und Produktmanager. Der 28-Jährige lebt in Zürich.

Im grünen Bereich

Charles Nguela wagt sich an unscharfe Grenzen.

Lieber Humor, wie geht es dir? Ich bin’s, Charly, hoi! Du, ich habe eine Frage: Darfst du dich über Minderheiten lustig machen? Du bist (meistens) nett, und wir Menschen mögen und brauchen dich sehr. Aber manche haben einen seltsamen Geschmack und interpretieren einiges in dich hinein. Manchmal wirst du falsch verstanden, oder wir drücken dich falsch aus. Aber heisst das auch, dass wir nicht respektvoll mit dir umgehen können?

Ich verstehe zum Beispiel nicht, weshalb sich gewisse Menschen stundenlang Katzenvideos ansehen und danach meinen, Katzen seien «intelligente» Tiere. Ich mache mich nicht über sie lustig, sondern stelle lediglich ihre differenzierte Haltung gegenüber Katzen infrage. Keine Angst, Katzenliebhaber stellen keine Minderheit dar. Alles im grünen Bereich! Das nennt man Sarkasmus, lieber Humor. Es ist eine deiner vielen Seiten, eines deiner unzähligen Gesichter. Deshalb muss man dich auch respektvoll und mit guten Absichten einsetzen. Und ja, ehrlich gesagt, macht es manchmal sogar Spass, andere mit dir zu nerven.

Aber die Absicht ist wichtig. Denn du bist dazu da, um fast unerträgliche Momente im Leben etwas erträglicher zu machen. Um uns Hoffnung zu schenken, wenn man keine Hoffnung mehr sehen kann. Um uns zu verbinden, gemeinsames Lachen zu schenken.

Humor, du bist mit ein Grund, dass wir manchmal unsere Geschwister in den Wahnsinn treiben und ihnen damit trotzdem unsere Liebe beweisen. Humor, du bist sinnvoll und gut, aber nur, wenn du für Positives eingesetzt wirst. Jeder Mensch hat das Recht, frei zu leben und seine Meinung zu äussern. Solange der Respekt für andere Menschen gewährt wird, bist du ok.

Aber, einfacher gesagt als getan. Ich gehe gelegentlich an meine Grenzen. Und es kommt leider manchmal vor, dass ich sie überschreite. Dann muss ich die Konsequenzen tragen und mich entschuldigen.

Doch zurück zur ursprünglichen Frage: Darfst du dich über Minderheiten lustig machen? Na, darfst du das? Liebe Leserinnen und Leser, unter uns, darf er das?