Nachwuchs ohne Kindheit

In den 1960er-Jahren kursierte der Spruch, im Schrank von Saisonniers gebe es mehr Kinder als Kleider. Eine unrühmliche Geschichte, die sich hoffentlich nie mehr wiederholt.

Auf das Drama der versteckten Kinder stiess ich in den 1980er-Jahren durch Maria. Vom vierten bis zum sechsten Lebensjahr musste das Mädchen auf das Leben verzichten. Wenn es etwas anstellte, wurde ihm mit den Worten gedroht: «Wenn du nicht still und brav bist, holt dich die Polizei und schickt dich weg.» Maria schwieg erschrocken. Sie blieb stumm und starr, selbst wenn sie zu Boden fiel und sich verletzte. Sie weinte nicht, wenn sie Bauchschmerzen hatte, lachte nicht, wenn sie glücklich war. Sie sang keine Lieder, spielte nie mit anderen Kindern. Sie durfte nicht schreien und schwieg auch, wenn sie allein daheim war und Angst hatte. Das Mädchen verweigerte das Essen und litt unter grossen Ängsten.

Die Saisonniers und auch viele Jahresaufenthalter sahen bis zur Legalisierung des Familiennachzugs keinen anderen Ausweg, als ihre Kinder zu verheimlichen und wie Maria vor den Augen und Ohren der Öffentlichkeit «im Schrank zu verstecken». Die Armut zwang sie, ihr Land zu verlassen, und die Schweizer Gesetze hinderten sie daran, ihre Kinder mitzunehmen. So durchlebten die Mütter und Väter buchstäblich die Qual der Wahl, ob sie die Gesetze brechen oder ihre Kinder, ungeachtet des Trennungsschmerzes, zurücklassen oder wegschicken sollten.

Das Schicksal annehmen

Wie eine kaum wahrnehmbare Barriere trennt diese schwierige Entscheidung noch heute viele Eltern, die unter Schuldgefühlen leiden, und viele Kinder, die mittlerweile erwachsen sind und mit den seelischen Folgen kämpfen: Ängste, geringes Selbstwertgefühl, allgemeine Verunsicherung. Ich sammelte ihre Erfahrungen für das Buch «Verbotene Kinder» und erhielt im Zuge dieser Gespräche viele positive Rückmeldungen von Betroffenen. Das Nachdenken über die eigene Geschichte habe ihnen geholfen, den Schatten der Vergangenheit von den Familien zu vertreiben und das gemeinsame Schicksal, befreit von Gewissensbissen, anzunehmen.

Seit Jahrzehnten werden diese Auswirkungen der strukturellen Gewalt auch im Zusammenhang mit den Schweizer Migrationsgesetzen und -bestimmungen untersucht und thematisiert. Nach und nach bewegten die Dramen das Gewissen der Nation und rüttelten die Politik auf: Nicht zuletzt deshalb kennen wir heute zum Beispiel das Recht auf Bildung für alle Kinder, unabhängig vom Aufenthaltsstatus ihrer Eltern.

Erinnerung wach halten

Einige Politiker erwägen nun allerdings die Wiedereinführung des Saisonnierstatuts. Ich hoffe, die Erinnerungen der Saisonnierkinder, wie zum Beispiel auch von Katja, helfen dabei, die Fehler aus der Vergangenheit nicht zu wiederholen: «Als ich mich verstecken musste, war ich zwölf und hatte, wenn ich daran zurückdenke, grosse Angst, weil auch meine Eltern Angst hatten. […] Wir wohnten unter dem Dach in einem Zimmer mit Küche. Die alten Holzböden knarrten bei jeder Bewegung. Ich wagte mich kaum zu bewegen und verbrachte die Tage auf dem Bett ausgestreckt, las und blickte in die Luft und hoffte, dass die Zeit rasch vergehen würde. In meiner Angst benutzte ich zum Essen nicht einmal Besteck, um bloss keinen Lärm zu machen.»

Maria, Katja und alle anderen versteckten Kinder haben uns gezeigt, wie wichtig und sinnvoll es ist, die Integration von Kindern von Anfang an zu fördern. Bauen wir darauf auf und verhindern ein Déjà-vu.

Text: Maria Frigerio

Publikation: Marina Frigerio, Verbotene Kinder, Rotpunktverlag Zürich, 2012

Versteckte Kinder. Sensibilisierung im Film «Lo Stagionale».
Versteckte Kinder. Sensibilisierung im Film «Lo Stagionale».