Im Kindersprachhaus

Ein Projekt der Stadt Biel bringt Mädchen und Buben mit Migrationshintergrund die Landessprachen frühzeitig näher. Gemäss Initiantin Tamara Iskra mit grossem Erfolg.

Interview: Christian Benz

MIX: Frau Iskra, Sie sind städtische Integrationsdelegierte. Warum haben Sie das Projekt Kindersprachhaus Anfang 2016 ins Leben gerufen?

Tamara Iskra: Über die Hälfte der Kinder in Bieler Kindergärten beherrscht unsere Unterrichtssprachen Deutsch oder Französisch nicht oder nur mangelhaft. Um dagegen etwas zu unternehmen, habe ich mich mit der Volkshochschule Biel-Lyss zusammengetan und ein Konzept entwickelt, mit dem wir die Kinder sprachlich systematisch fördern und in ihnen die Freude am Unterricht wecken können. Hilfreich war dabei, dass der Kanton Bern gleichzeitig ein Förderprogramm ausgeschrieben hat, das die frühe Sprachförderung finanziell unterstützt. Auch mit der Absicht, durch Chancengleichheit beim Schuleintritt längerfristig die Sozialhilfequote senken zu können.

MIX: Und das geschieht nun tatsächlich in einem speziellen Haus für Kinder?

TI: Das Wort Kindersprachhaus muss man konzeptuell lesen. Es besteht aus drei Säulen, in denen mit unterschiedlichen Methoden Sprachförderung angeboten wird: erstens in Regelstrukturen wie Kitas oder Spielgruppen, zweitens in einem  Parallelkurs» zum Sprachunterricht der Eltern sowie in Eltern-Kind-Sprachkursen und drittens in einem 18-wöchigen Intensivkurs für Kleinkinder. Dank unseren bestens qualifizierten Mitarbeitenden und Bezugspersonen in den jeweiligen Institutionen sowie durch fachliche Praxisbegleitung können wir die Kinder damit altersgerecht fördern.

MIX: Wie erfahren Eltern von diesen kostenlosen Angeboten?

TI: Vor allem in Sprachkursen für Erwachsene, über Beratungsstellen und über Schlüsselpersonen. Seit Kurzem ist in Biel ausserdem die Einschreibung für den Kindergarten nur noch vor Ort möglich: An den zwei Einschreibetagen unterstützen Schulleitende und interkulturelle Dolmetschende fremdsprachige Eltern beim Ausfüllen des Formulars und verweisen sie bei Bedarf auf unsere Angebote.

MIX: Mit Erfolg?

TI: Durchaus. Im ersten Jahr haben fast 200 Kinder daran teilgenommen. Das unerwartet grosse Interesse freut uns genauso wie die durchwegs positiven Rückmeldungen. Auf Initiative der Mütter und Väter bieten wir nun auch Elternabende an und bereiten sie auf ihre Aufgaben nach dem Kindergarteneintritt vor.

MIX: Gibt es trotz dieser Erfolge auch neue Ziele?

TI: Ja, angesichts des regen Interesses unterstützt der Kanton seit 2017 eine Ausweitung des Projekts im Seeland. Die Stadt Biel trägt mit dem Konzept und Unterrichtsmaterialien zu diesem für die Region wichtigen Schritt bei. Längerfristig möchten wir zudem den separaten Intensivkurs ab- und die Förderung in den bestehenden Regelstrukturen ausbauen. Mit anderen Worten: Wir möchten die Eltern dazu ermuntern, ihre Kinder in Kitas oder Spielgruppen zu schicken. So kommen sie nicht nur früher in Kontakt mit einer der Landessprachen, sondern auch mit einheimischen Kindern.

Tamara Iskra, Integrationsdelegierte Stadt Biel-Bienne. Foto: zVg
Tamara Iskra, Integrationsdelegierte Stadt Biel-Bienne. Foto: zVg