Kunst für alle!

Mit seinem integrativen Programm macht das Wildwuchs Festival Basel multikulturelle und soziale Vielfalt sichtbar und hinterfragt den Begriff der Minderheit.

«Wir sind viele», lautet das Motto des biennalen Wildwuchs Festivals, das sich der Thematisierung von Behinderungen und den damit verbundenen sozialen Ausschlusskriterien verschrieben hat. Anfang Juni werden in Basel an mehreren Orten mit Laien und Profis aus verschiedenen sozialen Kontexten Theater-, Tanz- und Kunstprojekte gezeigt, die zum Nachdenken und Umdenken anregen sollen.

Schubladisierungen entgegenwirken

«Ein Mensch ist viel mehr als bloss eine Migrantin oder ein alter Mann mit Atembeschwerden», sagt Gunda Zeeb, die das Festival seit 2012 leitet und sich seither konstant dafür einsetzt, den Begriff der Behinderung weiter zu fassen. Gerade auch in Richtung Migration. Was die Ausgrenzung und Unsichtbarkeit an vielen Stellen angeht, kommt für sie etwa der Flüchtlingsstatus einer Behinderung gleich. «Niemand sieht sich aber in erster Linie als Flüchtling oder Behinderten, diese Zuschreibungen kommen von aussen und haben mit dem inneren Befinden eines Menschen meist wenig zu tun,» so Zeeb im Gespräch.

Solchen Schubladisierungen will das Festival entgegenwirken. Unter dem passenden Themendach «Innen und aussen» wurden für das diesjährige Programm entsprechende Formate entwickelt. Im Tanzprojekt «Public Affairs» der Choreografin Mirjam Gurtner etwa, das in Zusammenarbeit mit dem Tanzbüro Basel und dem Projekt DA SEIN der Offenen Kirche Elisabethen entstanden ist, geht es genau um diese Fragen nach dem Innen und Aussen, nach Zugehörigkeit und Abgrenzung, nach Privatem und Öffentlichem. Während fünf Wochen erarbeiteten geflüchtete Menschen gemeinsam mit Baslerinnen und Baslern ein zeitgenössisches Tanzstück, das die Räume zwischen dem Gemeinschaftlichen und dem Persönlichen körperlich auslotet.

An der Hand eines jungen Persers

Im Rahmen von «Walking: Holding» wiederum, einem experimentellen Spaziergang konzipiert von Rosana Cade (UK), kann man sich die Stadt an der Hand fremder Menschen zeigen lassen. An der Hand eines jungen Persers zum Beispiel, der nur Farsi mit einem spricht und so erlebbar macht, wie es sich anfühlt, als Geflüchteter anderen Menschen vertrauen zu müssen, deren Sprache man nicht versteht. Die Blicke der Passanten seien anders, je nachdem, mit wem man durch die Stadt gehe, zu wem man zugehörig erscheine, so Zeeb. Man bekomme plötzlich ein Gefühl dafür, was es bedeute, einer Minderheit anzugehören, als fremd betrachtet zu werden.

Auch der Audiowalk «Widerhall an der Grenze» von Isabelle Stoffel führt durch unbekannte Nachbarschaften rund um den Voltaplatz, lässt hinter fremde Türen blicken, in fremde Biografien hineinhorchen und zeigt so auf, wie Vielfalt und Migration unsere Gesellschaft positiv mitgestalten. «In unserer Herkunft und unserer Körperlichkeit mögen wir uns unterscheiden», sagt Zeeb, «was uns aber verbindet, ist der Wunsch nach Zugehörigkeit und sozialer Akzeptanz.» Das Wildwuchs Festival bietet diesem Wunsch eine Bühne. Und arbeitet so tatkräftig an seiner Erfüllung mit.

Text: Simone Lappert

Audiowalk: «Widerhall an der Grenze». Foto: © Isabelle Stoffel
Audiowalk: «Widerhall an der Grenze». Foto: © Isabelle Stoffel

Wildwuchs Festival

1. bis 11. Juni 2017
www.wildwuchs.ch 

Public Affairs
8. Juni 2017, 17 Uhr und 19 Uhr
Kaserne Basel, Rossstall I