Heimatland!

In einer heterogenen Gesellschaft lässt sich der Heimatbegriff nicht mehr klar definieren. Während die einen weiterhin davon überzeugt sind, Heimat sei dort, wo man ursprünglich herkomme, schaffen sich andere mehrere Heimaten gleichzeitig. Eine Spurensuche zwischen Kitsch und gelebter Realität.

Mittlerweile ist auch dem Duden bekannt, dass Menschen mehr als eine Heimat haben können. Einst setzte er den Zusatz «Plural nicht üblich» hinter den Begriff. Heute steht dort nichts mehr. Leerraum, den man mit Definitionsversuchen beliebig füllen könnte. Denn sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft bestehen unterschiedliche Meinungen darüber, was Heimat ausmacht. Eine fixe Begriffsbestimmung gibt es nicht und Vorschläge dazu existieren nicht erst seit Cicero. Der römische Philosoph sah in jedem Ort, zu dem man ein bejahendes Gefühl hat, eine potenzielle Heimat.

Was ist Heimat?

Eine weitere mögliche Definition bietet Mischa Gallati. Er forscht am Institut für Sozialanthropologie und Empirische Kulturwissenschaft der Universität Zürich zu Themen wie Migration und soziale Bewegungen. «Heimat verstehe ich als Raum, in dem und für den wir Verantwortung übernehmen können und dürfen. Ein Handlungs- und Verantwortungsraum, den Menschen gemeinsam schaffen.» Heimat ist also nicht gottgegeben, «sondern wird kontinuierlich neu definiert, ausgehandelt oder zuweilen erkämpft», so der Kulturwissenschaftler. In diesen sozialen Prozessen entsteht Identifikation, eine wichtige Komponente von Heimat. So sind Heimatgefühle in einer psychologischen Dimension auch Ausdruck von Zugehörigkeitsgefühlen, Anerkennung und Sicherheit. Die entsprechenden Gefühle können gegenwärtige Lebenssituationen genauso einschliessen wie vergangene. Auch Kindheitserinnerungen an vertraute Orte in der Nachbarschaft, wohltuende Gerüche, bestimmte Spielsachen oder nahe Verwandte können bei Menschen heimatliche Gefühle auslösen.

Kindheit im Kopf

Dies wird unter anderem mit Erkenntnissen aus der Neurobiologie erklärt. Je länger ein Mensch an einem Ort verweilt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die wiederkehrenden Eindrücke in seinem Gehirn als feste Muster von Heimat eingeschrieben werden. Die Grundlage für diese «Erinnerungsvarianten» von Heimat, wie es Gallati nennt, sind emotional positiv besetzte Eindrücke, die immer wiederkehrend auf das Hirn einwirken und dort Heimat konstruieren. Glückliche Kindheits- oder Jugendjahre lassen sich jedoch heute kaum noch ausschliesslich auf einen einzigen Ort begrenzen. Entsprechend ist Heimat nicht allein mit der Zuweisung zu einer Nation, einer Stadt oder einer Gemeinde erklärbar. In unserer mobilen Welt, wo eine Flugreise nach Spanien weniger lange dauert als eine Autofahrt ins Tessin oder eine Wanderung von einem Tal in das andere, verliert die Bindung an die geografische Heimat an Bedeutung.  Anders im 18. Jahrhundert, als in der Schweiz der Begriff Heimatort erst eingeführt wurde und die freie Wahl des Wohnortes im Land noch keine Selbstverständlichkeit war. Im Jahr 1819 hatten erst 13 Kantone allen Schweizer Bürgern die Niederlassungsfreiheit gewährt – vorausgesetzt, sie waren in der Lage, für sich selbst zu sorgen.

«Heimat als einzigen Raum, also als Ort, als Sitz des Lebens, hat es in der gelebten Realität, wenn überhaupt, wohl nur im Kleinen gegeben. Denn Heimat als nationales Konzept kann es aus einer lebensweltlichen Perspektive nicht geben. Sie ist konstruiert», so der Kulturwissenschaftler, ausgehend davon, dass Migration schon immer eher den Normalfall als die Ausnahme menschlicher Existenz darstellte. «Entsprechend müssen wir daraus schliessen, dass Heimat nicht erst seit Neuestem im Plural existiert, sondern bereits eine lange Geschichte kennt. Denn selbst wenn wir unseren Lebensmittelpunkt noch nie über eine Staatsgrenze verlegt haben, sind wir keine monolokalen Kreaturen», meint Gallati weiter. Entsprechend kann die Angst vor Heimatverlust bereits im Kleinen entstehen, beispielsweise durch Übergänge in der Familie oder im Beruf, aber auch in Zeiten zunehmender Unsicherheit wie etwa in Wirtschaftskrisen. Dann steigen die Bedürfnisse nach Sicherheit in vermeintlich Altvertrautem.

Schmerzlicher Heimatverlust

Weitreichendere Einschnitte bis hin zu Traumata folgen dann, wenn Menschen gewollt oder ungewollt in einen ganz anderen kulturellen und geografischen Raum versetzt werden. Das beobachten gerade Psychiaterinnen und Psychologen, die Migrantinnen und Migranten betreuen. Eine von ihnen ist die Berlinerin Irmhild Kohte-Meyer, die ihre Erkenntnisse auch in wissenschaftliche Diskurse einbringt. Zuerst entstehe einmal Schmerz, wenn man von nahestehenden Personen, dem vertrauten sozialen Umfeld, der Sprache, Kultur und bekannten Normen abgeschnitten werde. Wie man damit am noch unbekannten Ort umgeht, wo man neue gesellschaftliche Normen und Regeln sowie oft eine andere Sprache lernen muss, sei unterschiedlich. Das unterstreicht auch Mischa Gallati: «Entweder entsteht der Antrieb, neue Bindungen aufzubauen oder im Extremfall gerade das Gegenteil, also gar keine Bindungen mehr eingehen zu können.» Auch Kohte-Meyer verweist auf die Gefahr des Rückzugs, die aus der Belastung durch den Heimatverlust und das Wegfallen der stabilisierenden psychosozialen, räumlichen und kulturellen Gewohnheiten resultieren kann. Faktoren, die eine erfolgreiche Integration massgeblich hemmen können. Kohte-Meyer spricht aber auch von seelischer Starre oder Stummheit, die eintrete, wenn man sich im neuen Umfeld nicht austauschen kann. Die psychischen Folgen davon seien nicht selten Selbstabwertung, Schuld- und Schamgefühle.

«Zuerst habe ich mich richtig euphorisch gefühlt», blickt die 34-jährige Jyoti A.* zurück. Die gebürtige Inderin ist 2006 im Zuge einer beruflichen Neuorientierung in die Region Bern gezogen. «Ich war jung, alles war neu und es gab eine unbekannte Welt zu entdecken.» Erst nach und nach habe sie begriffen, dass ihr dabei etwas Grundlegendes fehle. «Viele sprechen hier zwar gut Englisch, wie ich selbst, aber andere Verhaltensmuster oder die nonverbale Kommunikation sind eben doch sehr anders, als ich es mir gewohnt war.» Die Informatikerin fühlte sich in Vielem plötzlich nicht mehr wohl, ist seltener unter Leute gegangen und suchte vor allem Kontakt zu anderen Inderinnen und Indern. «Es ist mir auch nicht wirklich das Gefühl vermittelt worden, dass ich zum Beispiel bei deutschsprachigen Arbeitskolleginnen und -kollegen willkommen bin», so die junge Frau, die ihren damaligen Arbeitgeber nicht nennen möchte. «Ich wusste nicht, was ich dagegen unternehmen kann. Schliesslich habe ich fast per Zufall bei einem Sportverein Anschluss gefunden. Eine Art Initialzündung. Heute fühle ich mich auch wegen den dort geschlossenen Freundschaften schon richtig heimisch», erzählt sie mit einem entspannten Lachen. 

Teilhabe an der neuen Heimat

Das Eingehen von persönlichen Bindungen ist für die Schaffung einer neuen Heimat essenziell. Dafür braucht es bekanntlich Engagement von allen Beteiligten. Ganz sicher auch eine Willkommenskultur, die zu verstehen gibt, dass sich vermeintlich fremde Menschen am Tun in ihrer neuen Umgebung beteiligen können. Sei dies im Arbeitsumfeld, im Dorf- oder Quartierleben oder in der Politik. «Man muss Menschen, die auf der Suche nach neuen Heimaten sind, Handlungsmöglichkeiten bieten. Heimat besitzt man nicht einfach, und wenn doch, dann höchstens in der bereits beschriebenen Erinnerungsvariante», so Kulturwissenschaftler Gallati. Allein mit der Forderung, dass man sich zu integrieren oder sogar zu assimilieren hat, ist es nicht getan. Wenn eine gemeinsame Heimat entstehen soll, muss diese auch gemeinsam gestaltet werden. «In diesem Sinne darf man eine Willkommenskultur aber auch nicht so leben, dass sie das Bild des Hausherrn evoziert, der lediglich Gäste begrüsst. Das hätte wiederum nichts mit Teilhabe zu tun.» Eher fordert Gallati Partizipationsrechte für Migrantinnen und Migranten.

«Handlungsmacht zu teilen heisst jedoch auch, dass sich der Handlungsraum verändert, dass damit bestehende kulturelle Bindungen beeinflusst werden.» Und gerade davor haben viele Menschen Angst, wenn ihr vertrautes Umfeld durch neue Einflüsse infrage gestellt oder zumindest herausgefordert wird. Was wiederum teilweise politischen oder wirtschaftlichen Forderungen widerspricht, die im Zuge der Globalisierung, grössere Bereitschaft zu Wohnortswechseln oder mehr Weltoffenheit verlangen. Wünsche nach Altbekanntem und Verwurzelung in einem bestimmten Raum keimen auf. Dabei ist die Schweizer Gesellschaft keine homogene soziale Landschaft, sondern längst Schauplatz für unterschiedlichste Heimaten. Haben doch mittlerweile 35,9 Prozent der hierzulande geborenen Kinder mindestens einen ausländischen Elternteil (à Seite 14). Nicht nur politische Debatten verdeutlichen, dass es vielen schwerfällt, dies anzuerkennen. Auch in den wiederkehrenden Diskussionen um «richtige» oder «andere» Schweizer in der Fussball-Nationalmannschaft klaffen Wunsch und Wirklichkeit oft auseinander und die Vorstellungen über Identifikation und Zugehörigkeit fallen entgegen jeglicher sozialer Alltagsrealitäten auch einmal romantisch idealisiert aus. Dabei ist eigentlich selbst die Bezeichnung Multikultitruppe für die «Nati» überholt. Sie ist einfach Abbild unserer vielfältiger gewordenen Schweizer Lebenswelten.

Transnationale Identität

Gerade für junge Menschen in der Schweiz ist es eine Selbstverständlichkeit, sich zwischen mehreren räumlichen oder geografischen Heimaten hin und her zu bewegen, sich an unterschiedlichen Orten räumlichen oder geografischen Heimaten hin- und herzubewegen, sich an unterschiedlichen orten mit verschiedenen Menschen auszutauschen. Hybride Identität wird dies in der Fachsprache genannt. In der öffentlichen Wahrnehmung gelten sie aber schlicht als Ausländer oder Menschen mit Migrationshintergrund. Die wiederkehrende Frage «Woher kommst Du?» führt erst zum Bewusstsein, anders zu sein, eine andere Heimat haben zu müssen, selbst wenn sie auf tatsächlichem Interesse beruht. Für Kinder und Jugendliche kann dies zu einem sozialen Dilemma bis hin zu Selbstausgrenzung und dem Rückzug in idealisierte und ebenso realitätsferne «Traditionen» des elterlichen Ursprungslandes führen. Dabei fühlen sie sich einfach unterschiedlichen kulturellen Räumen zugehörig und sehen darin keine Besonderheit. Zu etwas Besonderem werden sie durch das Umfeld gemacht, das den Begriff Heimat entgegen jeder zeitgemässen Annäherung zu eng auslegt. «Je mehr man über Kultur nachdenkt, desto klarer wird, dass Identitäten immer hybrid sein müssen, dass keine lokale, regionale oder nationale Identität als homogener, unwandelbarer Block existieren kann», findet Mischa Gallati klare Worte und setzt einen auffordernden Schlusspunkt: «Gerade deshalb sind geteilte Lebenswelten, Heimaten, so wichtig, um im gegenseitigen Austausch Kultur überhaupt entstehen zu lassen.»

Text: Philipp Grünenfelder

*Name von der Redaktion geändert

Schweizer Krankheit: Fahnenflucht aus Heimweh

Die Sehnsucht nach Heimat (althochdeutsch heimôti) galt bis ins 13. Jahrhundert allein dem himmlischen Paradies. Das irdische Heimweh wiederum ist eine helvetische Erfindung und taucht gemäss schweizerdeutschen «Idiotikon» (Wörterbuch) erstmals 1651 auf. Über mehrere hundert Jahre galten die Eidgenossen als besonders anfällig für diese Form der Melancholie, der Mediziner Entkräftung, Abzehrung und gar Todesfolgen zuschrieben. Im Ausland wurde sie entsprechend

«Schweizer Krankheit» genannt und in Frankreich, wo besonders viele Schweizer Söldner Dienst leisteten, war es bei Todesstrafe verboten, das beliebte Hirtenlied «Kuhreihen» anzustimmen: Die Soldaten im Sold des Königs hätte bei den Klängen das Heimweh packen und zur Fahnenflucht animieren können.

Die Welt ist unterwegs

Migrationsbewegungen sind Alltag und nicht nur in der Schweiz suchen Menschen freiwillig oder gezwungenermassen eine neue Heimat. Weltweit gab es 2013 gemäss UNO-Angaben 232 Millionen Migrantinnen und Migranten. 2000 waren es noch 175 Millionen, 1990 154 Millionen. Die Grafik veranschaulicht den Umfang der entsprechenden Bewegungen ab 140’000 Migrantinnen und Migranten (Skalierung 1:1'000’000) zwischen zehn Weltregionen in der Zeit von 2005 bis 2010.

www.global-migration.info

Quelle: «The Global Flow of People» von Nikola Sander, Guy Abel und Ramon Bauer, Institut für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, publiziert auf www.global-migration.info und in «Science» am 28. März 2014 (Vol. 343: 1520-1522).