«Auch in Berlin bin ich ein Jude»

Der Basler Dani Levy zählt zu den bedeutendsten Filmemachern im deutschsprachigen Raum. Seit 35 Jahren lebt er in Berlin.

Herr Levy, gibt es Momente, in denen Sie Ihre Geburtsstadt vermissen?

Ich habe diesbezüglich verschiedene Phasen durchlaufen. Als ich 1980 nach Berlin kam, habe ich mich ganz bewusst von Kindheits- und Jugenderinnerungen und somit auch von Basel abgenabelt. Nicht zuletzt, weil ich die Konflikte mit meinen Eltern hinter mir lassen wollte. Ab 1984 gab es sowieso keinen Grund, die Schweiz zu vermissen; ich stand regelmässig für die Schweizer Fernsehserie «Motel» vor der Kamera. Erst viel später fing ich an, Basel auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu vermissen.

Will heissen?

Na ja, Erinnerungen an die Kindheit, die man mit Geborgenheit und Wärme in Verbringung bringt. Gefühle, die man in einer Grossstadt wie Berlin nicht so schnell findet bzw. empfindet, obschon die Stadt heute meine konkrete und gelebte Heimat ist. Vermisst habe ich unter anderem Menschen wie meine Familie oder meinen besten Freund, den Filmkomponisten Niki Reiser, mit dem ich noch heute engen Kontakt habe.

Heimat ist für Sie also kein Ort, sondern ein Gefühl?

Absolut. Heimat ist nicht etwas Grosses oder ein Land – das wäre zu unkonkret. Vielmehr ist es ein kleinerer Ort, ein Busch, hinter dem man sich als Kind versteckt, der Sportplatz, wo man sich später regelmässig mit Freunden trifft oder, wie in meinem Fall, speziell vertraute Gerichte und Gewässer. Sie alle rufen tief liegende Gefühle hervor, die rational kaum erklärbar sind. Deswegen kann man selbst in einer neuen Umgebung Heimatgefühle entwickeln, wenn man sich vom ersten Moment an dazugehörig fühlt und genau spürt, dass man am richtigen Ort ist.

Mit Filmen wie «Alles auf Zucker» oder «Mein Führer» haben Sie sich auch mit Ihren jüdischen Wurzeln auseinandergesetzt. Inwiefern haben diese Ihre Identität geprägt?

Als Jugendlicher war es für mich ganz normal, Teil der jüdischen Gemeinde zu sein. Das zeigte sich vor allem in meiner Freizeit: Anstatt in die Pfadi bin ich beispielsweise in den jüdischen Jugendbund gegangen. In Berlin nahm dieses jüdische Leben ein abruptes Ende, auch weil meine politische Haltung in den Vordergrund rückte. Erst Jahre später musste ich mir eingestehen, dass ich auch in Berlin ein Jude bin und diese Wurzeln ein zentraler Bestandteil meiner Identität sind. Gerade in Deutschland kann ich sie nicht einfach ignorieren. 

Ihre Mutter wurde als Kind polnischer Emigranten in Berlin geboren. Wie kam sie in die Schweiz?

Nach den Novemberpogromen 1938 floh mein Grossvater nach Basel und holte kurze Zeit später die Familie nach. Väterlicherseits stammen wir aus Frankreich. Insofern habe ich mich immer als jemanden verstanden, der auf Reisen ist und nirgends richtig hingehört. Dass ich aber mit Anfang 20 meine Wurzeln ausgerechnet in jener Stadt schlug, aus der meine Mutter fliehen musste, ist die ironische Fortsetzung einer langen Migrationsgeschichte, die von Flucht und Vertreibung geprägt ist.

Sie lieben das Subversive. Wie rebellisch erziehen Sie Ihre Kinder?

Ich bin zwar ein etablierter Künstler, aber weder meine politischen Ansichten, noch meine Sympathie für alternative Lebensformen haben sich dadurch verändert. Entsprechend ermutige ich meine Kinder zu zivilem Ungehorsam – auch wenn sie das oft eher peinlich finden (lacht).

Interview: Güvengül Köz Brown