Heimat in neuen Klimazonen

Als meine Eltern am 4. Dezember 1982 Schweizer Boden betraten, war tiefster Winter. Und sie trugen Stoffschuhe. Ein Klimaschock – und weitere sollten folgen. So staunten sie nicht schlecht, als im Sommer beim ersten Sonnenschein die Leute im Berner Marzilibad begannen, sich mit Sonnencreme einzureiben und in die Sonne zu legen. Sie selbst suchten sich bei warmem Wetter jeweils ein lauschiges Plätzchen im Schatten. So pflegten sie das in Iran zu tun, wo sie aufgewachsen waren und wo die Sonne sehr oft und intensiv scheint. In Teheran kann es über 40 Grad im Schatten werden. Niemand, der bei Trost ist, legt sich dort an die pralle Sonne.

Meine Eltern wussten damals noch nicht, wie selten hier - verglichen mit Iran - die Sonne scheint. Heute, nach fast 33 Jahren in der Schweiz, gehören sie zu den Ersten, die sofort an die Sonne brausen, sobald sich diese schüchtern blicken lässt. Dann setzen sie sich auf den Balkon und blinzeln glücklich in die Sonne. Meistens verbrennen sie sich dabei die Nasen.

Wenn sie den Verwandten in Iran erzählen, dass sie im Sommer Ferien gebucht haben, nur um irgendwo im Süden Sonne zu tanken, so löst das bei denen viel Belustigung und mitunter Kopfschütteln aus. Dabei sind Strandferien für viele Schweizer vollkommen gewöhnlich.

Meine Eltern haben sich akklimatisiert. Nicht ohne immer wieder einen Sonnenbrand davonzutragen. Die Akklimatisierung, so wie jede andere Anpassung auch, erfolgt grundsätzlich aus Sachzwängen heraus. Man muss den Menschen jedoch die Möglichkeit dafür geben und ihnen Zeit lassen, um sich in ungewohnten (Klima-)Verhältnissen zurechtzufinden. So haben meine Eltern eine neue Heimat gefunden, und die Einheimischen neue Freunde, mit denen sie den Sommerurlaub am Strand verbringen können.