Schöne Aussichten

Die Mutter Liberianerin, der Vater Italo-Schweizer: André Agustoni und Phillip Brunner stammen aus einem gemischten Elternhaus und bilden so den Schweizer Alltag ab.

Die helle und stilvoll eingerichtete Wohnung des Unternehmers Philipp Brunner bietet einen fantastischen Ausblick auf das Limmattal. Hier lebt der 41-Jährige, der als Jugendlicher dort unten einst auf die Chance einer Fussballkarriere verzichtete, zusammen mit seiner Lebensgefährtin und dem gemeinsamen Sohn. Neben ihm sitzt heute aber ein anderer, ihm Nahestehender: Bruder und Filmproduzent André Agustoni, der mit seiner Frau und den beiden Töchtern nur wenige Gehminuten entfernt in einem kleinen Einfamilienhaus lebt. «Ich bin der emanzipiertere», schiesst dieser los und begründet das damit, dass er den Nachnamen seiner Ehefrau angenommen hat. Phillip lässt das nicht auf sich sitzen: «Ich bin genauso unkonventionell, ich lebe in wilder Ehe, während du verheiratet bist.» Ein gemeinsames, ansteckendes Lachen ist die Folge. 

Agustoni kam 1971 in Monrovia, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Liberia zur Welt. «Mein Vater weilte aus beruflichen Gründen in Afrika und lernte dort meine Mutter kennen.» Als er elf Monate alt war, entschied sich die junge Familie, in die Schweiz zurückzukehren. «Wir haben einen Grossteil der Kindheit in Zürich-Affoltern verbracht; eine tolle Zeit», erinnert sich Agustoni und fügt hinzu, dass es Ende der 1970er- bis in die 1980er-Jahre total cool gewesen sei, ‹black› zu sein. «Davon haben wir beide mehr als profitiert.» Brunner bestätigt das, indem er ihm ein schelmisches Zwinkern zuwirft und ergänzt: «Auch körperlich waren wir topfit.» Respekt und bewundernde Blicke waren den Jungs gewiss.

Die negativen Erfahrungen seien erst später gekommen, wie Brunner sagt. Sein Gesicht spiegelt dabei nachdenklichen Ernst wider. «Nachdem die kindliche ‹Jö-› und die pubertäre ‹Cool-Phase› vorbei waren und ich anfing, mich ausserhalb meiner vertrauten Umgebung zu bewegen, spürte ich plötzlich Diskriminierung.» Etwa an Eishockeyspielen, wo er in der Fankurve inmitten vieler Skinheads stand. «Argumente wie ‹Ich bin genauso ein Schweizer› oder ‹Die Skinheadbewegung verdankt ihren Ursprung jamaikanischen Einwanderern› prallten dort ab und blieben wirkungslos.» Nicht minder verletzend seien subtilere Formen der Diskriminierung, findet Agustoni. «Heute spüre ich ganz genau, welche Personen aus welchen Gründen etwa im Bus nicht neben mir sitzen wollen.» Irgendwann hätte er angefangen, solchen Situationen mit Galgenhumor zu begegnen und sich darüber zu freuen, dass er mehr Platz zum Sitzen habe.

Nichtsdestotrotz. In der Schweiz sind Kinder aus bi- und multinationalen Beziehungen so selbstverständlich wie die Helvetia auf dem Fünfliber. «Vielfalt ist heute Normalität», fasst Brunner lakonisch zusammen. Und diese Regel scheint auch in seiner Familie weiter zu gelten: Agustonis Frau hat eine vietnamesisch Mutter und einen Schweizer Vater. Brunners Partnerin wiederum ist ein bunter Strauss aus drei europäischen Ländern. Und ihre Kinder? Irgendwann erübrige sich die Frage nach den Wurzeln, ist Agustoni überzeugt, «weil sie schlicht nicht mehr beantwortet werden kann». Schöne Aussichten.

Text: Güvengül Köz Brown

35,9% aller in der Schweiz geborenen Kinder haben mindestens einen ausländischen Elternteil.