Humanitäre Tradition, wie weiter?

Die Schweiz fragt sich gegenwärtig auf unterschiedlichem Parkett, wie sie ihre Rolle als Hüterin der humanitären Tradition interpretieren und umsetzen soll. Eine Aufgabe, die sie seit dem 16. Jahrhundert mit der Aufnahme von religiös verfolgten Hugenotten zunehmend wahrgenommen und mit der Gründung des Roten Kreuzes 1863 in Genf zementiert hat. In der Calvinstadt wurden nach den beiden Weltkriegen auch die vier Genfer Konventionen als Grundlage des humanitären Völkerrechts unterzeichnet.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) koordiniert und leitet bis heute weltweite Einsätze zum Schutz von Personen, die nicht (mehr) an bewaffneten Konflikten beteiligt, aber davon betroffen sind. Darüber hinaus bietet die Schweiz Verfolgten aus diesen Konfliktländern Zuflucht. In diesem Spannungsfeld wird den Beteiligten immer bewusster, dass die humanitäre Hilfe, die Entwicklungshilfe, die Asyl- und Migrationspolitik oder die Fragen nach den Menschenrechten in einer komplexer werdenden Welt kaum mehr isoliert voneinander betrachtet werden können.

Die MIX lässt zwei Stimmen zu Wort kommen, die einzelne Aspekte aufgreifen und zur Debatte stellen. Teilen auch Sie Ihre Meinung: www.facebook.com/mixmagazin


Zwiespalt eines Rückkehrers

Der Theologe Patrick Huser sieht Grenzen in der humanitären Hilfe.

Meine Auslandeinsätze hinterliessen mich vor allem mit Widersprüchlichkeiten; und die medial aufbereiteten Kriege erscheinen mir seither vor allem als Aufhänger, um unseren Glauben an die humanitären Ideale und Institutionen zu bekunden. Dem stand das entgegen, was ich selbst erlebt und «zu tun» versucht hatte. Schliesslich konfrontierten mich meine Einsätze mit der unsäglichen Erkenntnis, dass die Zerstörung von Menschlichem im Krieg stets unendlich grösser war als das, was alle humanitäre Hilfe je bewältigen konnte. Rechnete ich die institutionellen Schranken – die es selbst dem aufmerksamsten Mitarbeiter schwer machten, den Zweck seines Einsatzes nie aus dem Blick zu verlieren – hinzu, erschien mir die ganze «Übung» als suspekt. Ein leeres Versprechen, das alleine dazu dient, das träge Gewissen der westlichen Wohlstandsnationen noch weiter einzuschläfern.

Ich versuchte, diese Frustration zu überwinden, indem ich mir Sinn und Zweck der humanitären Hilfe vor Augen führte: das Leiden von Menschen zu verringern. Dann aber, dachte ich mir, sei der Begriff «Hilfe» bereits verfehlt. Denn Hilfe – im Sinne von Ab-Hilfe, d.h. einer nachhaltigen Lösung für alle Beteiligten, die den Konflikt verursacht hatten – liegt ausser Reichweite der humanitären Hilfe. Nur politische Prozesse können das Leiden beenden. Wird diese Abhilfe verweigert, geht das Leiden weiter.

Ein weiteres Dilemma fand ich darin, dass die aktuellen Konflikte scheinbar kein Ende mehr nehmen. Sie verwandeln sich vielmehr in andauernde diffuse Gewalt. Ein Mangel an klaren Verhältnissen, der in eine Art ethischer Geiselhaft führt: Obwohl das Verweilen in einem Konflikt zunehmend fragwürdiger wird, ist es unzumutbar, die Betroffenen ihrem Schicksal auszuliefern. So versuchen wir bisweilen, uns aus der selbst auferlegten, institutionellen Logik zu lösen, um nicht nur Leiden zu verringern, sondern wirklich zu helfen. Damit riskieren wir allerdings auch, selbst als Teil des Konflikts – und als mögliches Ziel der Gewalt selbst – gesehen zu werden.


Gedanken einer Überzeugten

Die Sozialarbeiterin Karin Hofmann mahnt zur Menschlichkeit.

«Sind wir noch in Tschetschenien?» Diese Frage eines Vaters drückte nicht Desorientierung, sondern innere Rührung aus, und sie war ein Schlüsselerlebnis in meiner humanitären Arbeit. Wir ermöglichten ihm die erste Reise zu seinem Sohn, der seit zehn Jahren in Gefangenschaft war. Es ging also nicht um Leben und Tod, seine Dankbarkeit unterschied sich jedoch nicht von der eines Überlebenden.

Die Geschichte zeigte mir auf, dass zur humanitären Hilfe weit mehr gehört als das Entrichten von Hilfsgütern oder Nahrungsmitteln. Es geht auch um das Wiederherstellen der Menschenwürde. Ein Gefangener in irakischer Isolationshaft drückte es einmal so aus: «Wenn Sie mir nicht dieses rosa Handtuch gebracht hätten, wäre ich nicht mehr am Leben.» Das Tuch war nicht lebensrettend, aber Sinnbild für den Glauben an die humanitäre Organisation, die ihn vielleicht vor dem Schlimmsten bewahrte und für die Hoffnung, dass das Grauen irgendwann ein Ende finden würde. Das war es, was für ihn zählte.

In Anbetracht der grauenvollen Auswirkungen eines Krieges mögen die Beispiele nichtig erscheinen. Doch Kriege zu verhindern oder zu beenden ist keine humanitäre, sondern eine politische Aufgabe. Beides zu vereinen ist unmöglich. Das Ziel der humanitären Hilfe liegt darin, das Leiden der Menschen zu verringern. Es geht um einzelne, um einige, im besten Fall um viele Menschen, nicht um die Menschheit

Kümmert sich eine humanitäre Organisation nur auf systemischer und nicht gleichzeitig auf individueller Ebene um die Bedürfnisse, hat sie ihr Ziel verfehlt. Wer alles für alle statt vieles für viele tun will, tut am Ende nichts. Dabei spielen Prinzipien und institutionelle Logik eine zweitrangige Rolle, solange das Neutralitätsprinzip eingehalten und kein Schaden angerichtet wird. Ein «All-inclusive-Ansatz» und die damit verbundene Verminderung der humanitären Hilfe hätten fatale Auswirkungen für die Betroffenen. Im Krisengebiet genauso wie für diejenigen, die in der Schweiz Schutz suchen.


Die vorliegenden Texte geben ausschliesslich private Erfahrungen und Gedanken der Autorin bzw. des Autors wieder und stehen weder als Ganzes noch in Teilen für die Position des IKRK, bzw. SRK.