«Ich bin die erste, aber nicht die letzte»

Sie waren gebildet, exzentrisch, ehrgeizig und entsprachen gar nicht dem vorherrschenden bürgerlich-konservativen Frauenbild. Junge russische Frauen prägten Ende des 19. Jahrhunderts manche Schweizer Universität.

«Vier jugendliche, etwas exotisch aussehende weibliche Wesen um den Tisch in der Mitte; – darauf ein Schädel, ein aufgeschlagener anatomischer Atlas, ein mächtiger geheizter Samowar, der unendliche Mengen Tee spenden konnte, Tassen, eingemachte Früchte, die der Russe gern zum Tee nimmt, Zigarettenschachteln, Tabaksbeutelchen; in der Sofaecke lehnt freundlich ein halbes Skelett, Brustkorb und Beckenknochen, die sich gefallen lassen mussten, hin und her geschoben zu werden, je nachdem es den andern, lebenden Mitbenutzenden des Sofas während der folgenden Teestunde passte.»

Eine Mitstudentin berichtet die Szene, die eine Lerngruppe von Medizinerinnen in Bern Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb. Die Frauen gehören zu einem Phänomen der Schweizer Geschichte; mit dem damals frisch etablierten Frauenstudium kamen junge, gut gebildete Frauen aus Russland und bildeten sich an den Universitäten in Zürich und Bern aus. Die Studentinnen entsprachen nicht dem üblichen Frauenbild, sie fielen auf, sie trugen kurze Haare, hatten Brillen, rauchten.

Die erste Frau, die sich in der Schweiz an einer Universität einschreiben liess, war Nadeschka Suslowa aus Nowgorod. Im Jahr 1873 wurde sie als erste Frau im deutschsprachigen Raum promoviert. Zuvor hatte sie in St. Petersburg an der Universität hospitiert, dort wollte sie sich zur Ärztin ausbilden lassen. Als aber Zar Alexander II. 1864 das kurz zuvor eingeführte Frauenstudium wieder verbot, ging Suslowa nach Zürich, an die 1833 gegründete Universität. Diese war bekannt für eine liberale Haltung – auch gegenüber Gasthörerinnen. Suslowa war typisch für die russischen Frauen, die in der Folge in der Schweiz studierten: gut ausgebildet, revolutionär gesinnt, emanzipiert – und sie gingen nach der Ausbildung zurück in ihr Land, um dort die Verhältnisse der Menschen zu verbessern. Suslowa führte nach dem Studium in St. Petersburg eine gynäkologische und pädiatrische Praxis. Zuletzt war sie auf der Krim tätig, sie bot armen Kindern kostenlose ärztliche Betreuung, gründete eine Schule, ein Gymnasium und ein Spital.

«Ich bin die erste, aber nicht die letzte. Nach mir werden Tausende kommen», schrieb sie in einem Brief. Es waren zwar nicht gerade Tausende von russischen Frauen, die folgten, doch der Damm war gebrochen. Ihre Landsfrauen machten damals den grössten Anteil an Studentinnen in der Schweiz aus (was jedoch auch daran lag, dass die höhere Mädchenbildung in der Schweiz zu jener Zeit noch nicht ausgebaut war). Die auffallenden Frauen aus dem Osten, mit ihrem selbstbewussten Auftreten sind heute Teil der schweizerischen Bildungsgeschichte. Die Tausende, die nach Suslowa kommen sollten, waren also die Frauen, denen seit Suslowas Immatrikulation die Türen zur Universität geöffnet wurden.

Text: Matthias Buschle

Frauen in der Mehrzahl

Dank den Vorreiterinnen aus Russland erreichte der Frauenanteil an den Schweizer Universitäten 1906 rund ein Viertel, darunter über 90 % Ausländerinnen. Mit der Zäsur durch den Ersten Weltkrieg sank er auf ein Zehntel und erhöhte sich in der Folge nur sehr langsam. Erst Mitte der 1970er-Jahre stellten die Frauen wieder einen Anteil von 25 %, diesmal mit fast 70 % Schweizerinnen. 2013/14 bildeten sie über alle Schweizer Universitäten mit einem Anteil von 50,2 % sogar die Mehrheit. 29,2 % aller 142'170 Studierenden hatten zum selben Zeitpunkt keinen Schweizer Pass, davon noch ganze 2,3 % einen russischen.